Favoritensterben am Rothenbaum

Dieser Freitag hatte es am Hamburger Rothenbaum in sich. Denn die Nummer eins, zwei und auch drei der Setzliste mussten die Segel streichen. Der Argentinier Diego Schwartzman unterlag seinem Landsmann Leonardo Mayer, der in Hamburg zum nächsten Märchen ansetzt. Der Georgier Nikoloz Basilashvili bestätigte ein weiteres Mal seine Topform und bremste Pablo Carreno Busta aus. Die größte Überraschung gelang an diesem Tag allerdings Nicolas Jarry, der Dominic Thiem, den zweitbesten Sandplatzspieler der Saison, in zwei Sätzen aus dem Turnier warf.

Es war 18:15 Uhr als Nicolas Jarry auf dem „Center Court der Welt“ seinen bislang größten Karriereerfolg bejubelte. Mit seinem zweiten Matchball bezwang der Chilene den topgesetzten Österreicher 7:6 (5), 7:6 (7) und feierte damit den ersten Sieg über einen Top-Ten-Spieler in seiner Karriere. Was für eine starke Leistung!

Dabei hatte Turnierfavorit Thiem (ATP 8) allein im ersten Satz zahlreiche Möglichkeiten, den Halbfinaleinzug zu fixieren. Doch sowohl eine 5:3-Führung als auch eine 5:2-Führung im Tie-Break reichten dem 24-Jährigen nicht. Jarry (ATP 69) blieb ruhig und konzentriert, sicherte sich den ersten Durchgang und sammelte daraus eine Menge Selbstvertrauen. Weil Thiem über das Match gesehen nur magere elf Winner landen konnte, fielen selbst die 51 vermeidbaren Fehler von Jarry nicht ins Gewicht. Der Chilene schlug im Gegenzug 35 Winner, wehrte in Satz zwei drei Satzbälle ab und holte sich sein zweites Halbfinalticket bei einem ATP-500er-Turnier. „Der Schlüssel zum Sieg war, mental positiv zu bleiben“, analysierte Jarry nach der Partie. „Er ist einer der besten Spieler der Welt, da bekommt man nicht viele Chancen.“

Im Halbfinale bekommt es Jarry nun mit dem Qualifikanten Nikoloz Basilashvili zu tun. Der Georgier bestätigte ein weiteres Mal seine außergewöhnliche Hamburg-Form und schlug den klar favorisierten Pablo Carreno Busta. Die Nummer 13 der Welt aus Spanien hatte noch gewarnt, dass er nur erfolgreich sein würde, wenn er aggressiv spielen und die Punkte dominieren würde. Genau das ist ihm allerdings gegen Basilashvili, der seit Kurzem vom deutschen Trainer Jan de Witt betreut wird, nicht gelungen. Mit 7:6 (3), 6:4 setzte sich die aktuelle Nummer 81 der Welt durch und feierte seinen ersten Sieg über einen Top-20-Spieler in diesem Jahr.

Jozef Kovalik hat derweil die lange Geschichte der erfolgreichen Qualifikanten in der Turnier-Historie am Rothenbaum fortgesetzt und sein erstes Halbfinale bei einem 500er-Turnier erreicht. Der Slowake setzte sich gegen den Brasilianer Thiago Monteiro nach einem klassischen Fehlstart mit 3:6, 6:3, 6:2 durch und steht zum zweiten Mal in diesem Jahr in einem ATP-Halbfinale. Monteiro und Kovalik trafen in dieser Woche bereits im Qualifikations-Finale aufeinander – schon damals setzte sich Kovalik durch. Am Freitagmittag erlebte Monteiro nun ein Dejá-vu. Der Lucky Loser entschied zwar den ersten Satz für sich und nahm damit seinem Kontrahenten den ersten Durchgang im Turnierverlauf überhaupt ab, doch in der Folge war Kovalik der bessere Aufschläger. Knackpunkt des Matches war der Satzausgleich zugunsten des 25-jährigen aus Bratislava, der in der Folge auf und davon zog. „Ich genieße jedes einzelne Match hier in Hamburg. Es ist toll, wie das Publikum mich unterstützt“, bilanzierte Kovalik, der es nun mit dem „Rothenbaum-Dominator“ Leonardo Mayer zu tun bekommt.

Der 31-jährige Argentinier hat seiner Liebesgeschichte rund um das Hamburger Turnier eine weitere Episode hinzugefügt. Mayer bezwang im Viertelfinale seinen Freund und Landsmann Diego Schwartzman mit 6:3, 4:6, 6:3 und verbesserte seine Bilanz auf 14 Siege in insgesamt 16 Matches. Dabei war Schwartzman, der in Hamburg an Position zwei gesetzt war, eigentlich schon auf die Siegerstraße eingebogen. Trotz seines anfälligen Service – Schwartzman machte nur 27 % seiner Punkte nach dem zweiten Aufschlag – führte der gerade 1,70 Meter große Gaucho bereits mit 3:1 im dritten Satz. Danach machte Mayer aber ernst, gewann mit seinen nun viel zu druckvollen Grundlinienschlägen fünf Spiele in Folge und zog zum dritten Mal in seiner Karriere ins Hamburger Halbfinale ein. Bei Schwartzman war auf den letzten Metern dieses Matches schlicht und ergreifend der Tank leer.