Florian Mayer greift nach Hamburg-Titel – „Ich werde das Herz auf dem Platz lassen“

Es kam für die rund 8000 Zuschauer auf dem „Center Court der Welt“ extrem überraschend. Auch Florian Mayer wunderte sich: „Ich habe gerade noch den Punkt gespielt und plötzlich gibt er mir schon die Hand.“ Nachdem Philipp Kohlschreiber den ersten Satz im deutschen Halbfinale gegen „Flo“ für sich entscheiden konnte, musste er beim Stand von 2:3 im zweiten Durchgang aufgeben. Die Muskulatur im rechten Oberschenkel war seit Freitag angeschlagen, nun war es die linke Seite, die eine Fortsetzung nicht möglich machte. „Die letzten zwei, drei Ballwechsel ist es mir richtig reingeschossen. Es hat zu sehr wehgetan und keinen Sinn mehr gemacht“, sagte ein enttäuschter Kohlschreiber.

Des einen Leid ist des anderen Freud. Florian Mayer kämpft nach dem Aus von Kumpel „Kohli“ heute im Finale um seinen zweiten ATP-500er-Titel. Und das nach einem bislang so enttäuschenden Jahr. Bis Mitte Mai musste der Bayreuther auf seinen ersten Sieg der Saison warten, sein Selbstvertrauen hatte dadurch ein neues Minuslevel erreicht. Nachdem er seinen Halle-Triumph Anfang Juli nicht wiederholen konnte, fiel er zudem in der Weltrangliste aus den Top 100. Mit den 300 Weltranglistenpunkten, die er für das Finalticket am Rothenbaum schon sicher hat, ist die Rückkehr in eben jene Bereiche schon beschlossen. Doch jetzt will er mehr. Er spielt um seinen dritten ATP-Titel seiner Karriere. „Es ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich hier im Endspiel stehen werde“, äußerte sich der 33-jährige Mayer über seine Final-Premiere in Hamburg. „Deswegen werde ich mich zerreißen und mein Herz auf dem Platz lassen.“ Sein Gegner wird Leonardo Mayer sein, der auf den Spuren des Russen Andrey Rublev wandelt.

Erst vergangene Woche war es Rublev in Umag (ATP 250) gelungen, den Titel als Lucky Loser zu holen. Nur sieben Tage später könnte Leonardo Mayer diese Geschichte wiederholen, mehr noch: Er könnte sie toppen. Der Argentinier kämpft darum, der erste Lucky Loser zu werden, der ein ATP-500er-Turnier gewinnt.

Und das, nachdem am vergangenen Sonntag doch alles schon vorbei war: In der Qualifikation war Mayer der deutschen Nachwuchshoffnung Rudi Molleker unterlegen. Doch der Argentinier hatte Glück. Nach der Absage von Vorjahressieger Martin Klizan rutschte er ins Hauptfeld.

Mit Glück hatte der Siegeszug des Argentiniers fortan nichts mehr zu tun. Mayer spielt seit Montag starkes Sandplatztennis. Aufgrund seines hohen läuferischen Einsatzes und des extremen Topspins zermürbt er seine Gegner regelrecht. Also Achtung, „Flo“! Und auch beim eigenen Service präsentiert sich der 30-Jährige aktuell extrem stabil, holte durchweg weit über 70 Prozent der Punkte nach dem ersten Aufschlag – so auch im Halbfinale gegen seinen Landsmann Federico Delbonis. Im Duell zweier Davis-Cup-Kumpel hatte Mayer kaum Probleme, für den 6:3, 7:5-Erfolg brauchte er nur 84 Minuten. „Gegen einen Argentinier zu spielen, ist nie einfach“, erklärte der erste Finalteilnehmer. „Die Nerven haben eine wichtige Rolle gespielt.“ 2014 konnte Mayer das Turnier schon einmal gewinnen, noch immer hat er „tolle Erinnerungen“ daran und auch in diesem Jahr rechnet er sich durchaus Chancen auf den Turniersieg aus. „Die Fans ermutigen mich in Hamburg, auch wenn ich kein Deutscher bin.“ Morgen wird es nun in jedem Fall „Mayer“-Rufe von den Rängen geben, doch natürlich drückt Hamburg vor allem „Flo“ die Daumen. Denn er könnte der erste deutsche Sieger der German Open seit 1993 werden. Damals triumphierte Michael Stich, der den Pokal als Turnierdirektor nur zu gern an Florian Mayer übergeben würde.