Da ist das Ding! Erstes deutsches Halbfinale seit 1992

Es hatte etwas Sinnbildliches: Gerade erst riss Philipp Kohlschreiber die Hände in den Hamburger Himmel, da klopfte er sich anschließend schon mit seinem Schläger zweimal gegen den Kopf. Warum? Weil sein Viertelfinalerfolg gegen den Argentinier Nicolas Kicker reine Kopfsache war. Erst nach zweieinhalb Stunden hatte der Deutsche das bessere Ende für sich. Ein Wort Kohlschreibers reichte im Anschluss, um dieses Match zu beschreiben: Wahnsinn!“

Dass es so eine dramatische Partie werden würde, danach sah es anfangs überhaupt nicht aus. Der 33-jährige Kohlschreiber begann fulminant. Zwei Breaks holte er sich in den ersten Minuten, führte nach nicht einmal einer halben Stunde mit 5:1. Was dann geschah, bleibt wohl „Kohlis“ Geheimnis. Wenig später stand es nämlich 6:5 für Kicker. Doch Kohlschreiber sammelte noch einmal alle Energie und holte sich den Tiebreak.

Auch der zweite Durchgang verlief extrem ausgeglichen. Doch zeichneten sich Vorteile für den Argentinier früh ab. Das entscheidende Break gelang ihm letztlich zum 6:4-Satzgewinn. Also alles wieder auf Anfang. Der dritte Satz startete für Kohlschreiber denkbar schlecht. Er kassierte direkt das Break. Beim Stand von 1:2 musste er sich zudem am rechten Oberschenkel behandeln lassen. „Irgendwie ist bei mir der Muskel zugegangen“, erklärte er. „Eigentlich wollte ich keine Behandlungspause nehmen, weil ich das immer ein bisschen unsportlich finde. Aber in diesem Fall brauchte ich die Pause und die Kompressionsbandage – gerade für den Kopf.“

Angetrieben von über 8500 Zuschauern auf dem „Center Court der Welt“ startete er danach das Comeback. Letztlich gewann der Augsburger 7:6, 4:6, 6:4 und steht damit zum zweiten Mal nach 2014 im Halbfinale am Rothenbaum.

Mayer sinkt erleichtert zu Boden

Es war ein merkwürdiges Match, das sich Florian Mayer und Diego Schwartzman lieferten. 6:2 für den Deutschen nach nur 30 Minuten, wiederum nur knapp eine halbe Stunde später der Ausgleich des Argentiniers. Dieses Mal durch ein 6:2 zu Gunsten Schwartzmans.

Irgendwie passte es zur Partie, dass sich der dritte Satz ebenfalls zu einem Wechselbad der Gefühle entwickelte. 1:0, 2:0, 3:0 für Florian Mayer. Die Vorhand saß nun endlich, die Weichen schienen auf Finale gestellt. Doch der Argentinier fand plötzlich wieder zurück in die Partie, verkürzte auf 2:3. Dann war es ein lautes „Come on“, dass die Zuschauer aus ihren Sitzen riss. Völlig untypisch für den sonst so ruhigen Florian Mayer. Seine Vorhand-Longline saß perfekt, das Break zum 5:3 brachte die Vorentscheidung.

Nach 1:43 Stunden verwandelte der Deutsche seinen ersten Matchball zum 6:2, 2:6, 6:3 – und sank völlig erleichtert zu Boden. Mayer streckte alle Viere von sich und ließ erstmal einige Sekunden inne, um den Erfolg zu realisieren. „Es war unglaublich. Riesenkompliment an die Fans, die mich grandios unterstützt haben. Für mich ist es einfach unbeschreiblich schön“, sagte „Flo“ nach dem Kraftakt.

Gaucho Open in der oberen Hälfte

Der Viertelfinaltag begann gleich mit einer echten Überraschung. Mit Karen Khachanov musste ein weiterer Mitfavorit auf den Titel bei den German Open 2017 vorzeitig die Segel streichen. Der 21-jährige Russe unterlag dem argentinischen Qualifikanten Federico Delbonis nach 2:17 Stunden mit 5:7, 6:3, 4:6.

Dabei plagten den Südamerikaner zwischenzeitlich sogar massive Oberschenkelprobleme. Er musste sich nach dem zweiten Satz behandeln lassen und spielte fortan mit einer Bandage. Dennoch humpelte er mit großer Leidenschaft zu einem schnellen Break im Entscheidungssatz und entschärfte immer wieder die brutalen Angriffsschläge seines hochtalentierten Kontrahenten. In Hamburg läuft es eben für „Delbo“. „Da werden natürlich Erinnerungen an 2013 wach. Es fühlt sich fast so an wie damals“, erinnert sich der Linkshänder an seinen Erfolgslauf von vor vier Jahren. Damals marschierte er von der Qualifikation bis ins Finale. Jetzt ist er mit fünf Siegen am Rothenbaum schon wieder im Halbfinale angekommen.

Im zweiten Duell des Tages trafen Leonardo Mayer und der Tscheche Jiri Vesely aufeinander. Der Argentinier, eigentlich bereits in der Qualifikation gescheitert und nur als Lucky Loser in das Feld gerutscht, setzte seinen plötzlichen Siegeslauf fort. Am Ende stand der einzige Zwei-Satz-Sieg des Viertelfinal-Donnerstags auf der Anzeigetafel, Mayer siegte mit 7:6, 6:3. Damit ist das rein argentinische Duell in der oberen Tableauhälfte perfekt. Eine tolle Begegnung, denn noch im vergangenen Jahr feierten die beiden Argentinier gemeinsam den sensationellen Gewinn des Davis Cups.