Hamburg sagt „Tschüss Tommy“

Gala-Auftritt von Kohlschreiber – Molleker trotz guter Leistung raus – Topgesetzte Ramos-Vinolas und Cuevas ausgeschieden

Tommy Haas hat sein letztes Turnier auf deutschem Boden mit einer Erstrunden-Niederlage beendet. Der gebürtige Hamburger verlor zum Abschluss seiner 20-jährigen Karriere am Rothenbaum gegen den Argentinier Nicolas Kicker mit 5:7 und 1:6 und musste sich von den Fans in seiner Heimatstadt verabschieden.

Das Wetter passte irgendwie zum traurigen Anlass. Während der Regen auf das Dach des Center Courts am Rothenbaum niederprasselte, kam Tommy Haas drinnen nie so richtig auf Betriebstemperatur. Dabei ist für ihn das „Hamburger Schietwetter“ überhaupt nichts Neues – zumal er sich noch am Vormittag trotz strömenden Regens auf den Außenplätzen warm gespielt hatte.

Aus der großen Abschiedsfete, die der 39-Jährige mit seinen Fans bei seinem letzten Auftritt am Rothenbaum feiern wollte, wurde jedenfalls nichts. Haas probierte alles, ließ über die gesamte Spieldauer von 86 Minuten nichts unversucht, war gegen Nicolas Kicker aber vor allem im zweiten Durchgang komplett chancenlos. Es war exakt 16.37 Uhr als die Einzel-Karriere von Tommy Haas in Deutschland zu Ende ging und danach wusste der Publikumsliebling nicht so Recht wo hin mit seinen Emotionen. „Das ist für mich jetzt ein ganz besonderer Moment. Aber erst mal bin ich nicht zufrieden, wie ich heute gespielt. Ich habe eigentlich nie zu meinem Spiel gefunden und wenn man so spielt wie ich in den wichtigen Momenten heute, dann kann man nun mal nicht gewinnen. Und das nervt mich jetzt schon ein bisschen“, sagte Haas im Abschieds-Interview auf deutschem Boden bei Sky.

Dieser Dienstag war für Tommy Haas in sportlicher Hinsicht irgendwie ein gebrauchter Tag. Bei regnerischen Bedingungen am Rothenbaum hatte die ehemalige Nummer zwei der Welt viel zu selten den Zug im Spiel, der nötig gewesen wäre, um seinen argentinischen Gegner nachhaltig zu beeindrucken. Speziell über den zweiten Aufschlag bot der Deutsche zu viel Angriffsfläche. Außerdem schaffte er es nicht, die Punkte über die schwächere Rückhand von Kicker aufzubauen. Der Argentinier drängte seinen Club-Kameraden vom TK Grün-Weiß Mannheim immer wieder mit seiner Vorhand, mit der er 18 direkte Punkte erzielte, in die Defensive und bestimmte das Spiel. Gerade in der Schlussphase des ersten Satzes zeigte Haas noch mal sein großes Kämpferherz und wehrte drei Satzbälle in Folge ab. Als Haas aber in der Folge zum dritten Mal in diesem Match sein Service abgab, ließ Kicker sich nicht mehr aufhalten, schaffte das 7:5 und brach damit wohl auch schon ein wenig den Widerstand seines Konkurrenten. Haas verlor auch zu Beginn des zweiten Satzes direkt seinen Aufschlag, vergab in der Folge beide Breakchancen, die sich ihm boten und musste am Ende ein glattes 1:6 quittieren. Auch wenn Tommy Haas ein Matchgewinn bei seinem letzten Einzel-Start in Hamburg verwehrt blieb, wurde der Wahl-Amerikaner, dessen gesamte Familie zur Unterstützung angereist war, mit stehenden Ovationen verabschiedet. Von Turnierdirektor Michael Stich gab es eine Uhr als Präsent und ein ganz spezielles Abschiedskompliment: „Du hast dem Tennis unheimlich viel gegeben. Vielen Dank für die letzten 20 Jahre, in denen Du Tennis-Deutschland so viel Freude gemacht hast“.

Viel Spaß hat bei den German Open 2017 auch der erst 16-jährige Rudi Molleker gemacht. Nach der erfolgreich geschafften Qualifikation für das Hauptfeld durfte sich der Berliner zum zweiten Mal nacheinander auf dem „Center Court der Welt“ präsentieren – und machte seine Sache sehr ordentlich. Es ging gegen den Russen Karen Khachanov. Trotz seiner erst 21 Jahre einer der Durchstarter auf der Tour, inzwischen in der Weltrangliste schon auf Platz 32 nach vorne gerutscht. „Er ist ein Topspieler, steht nicht von ungefähr so weit oben“, sagte Molleker nach dem Match. „Ich habe aber versucht, das auszublenden. In den entscheidenden Momenten spielt die Erfahrung trotzdem eine gewisse Rolle.“ Damit beschrieb er das mitreißende Spiel gegen Khachanov mehr als treffend. Die Ballwechsel waren packend, das Publikum ging leidenschaftlich mit. Doch immer dann, wenn es eng zu werden schien, konnte der Russe den Druck noch einmal erhöhen. So zum Beispiel, als Molleker mit einem Break den 3:3-Ausgleich im zweiten Satz geschafft hatte. Die Fans waren voll auf der Höhe und feuerten ihren neuen Liebling an, auch der Youngster selbst schien zu spüren, dass etwas möglich ist. Aber genau dann zeigte Khachanov, warum viele ihn für einen kommenden Superstar halten. Immer hellwach, mit enormen Tempo und der nötigen Nervenstärke ausgestattet, holte sich der Russe das Match letztlich mit 6:4, 6:3.

Molleker war trotz der Niederlage aber zurecht zufrieden: „Ich habe gekämpft bis zum letzten Punkt. Der Gegner war einfach etwas besser, daher hat es am Ende leider nicht gereicht. Insgesamt war es trotzdem ein gutes Match von mir.“ Die Auftritte auf dem Center Court der Welt scheinen es dem 16-Jährigen angetan zu haben: „Es war für mich eine große Ehre, hier auf dem großen Platz zu spielen. Ich will dennoch versuchen, beide Füße am Boden zu lassen.“ Die 20 Weltranglistenpunkte werden Molleker im Ranking weiter nach oben bringen. Genau da will der Youngster in der nahen Zukunft ansetzen: „Mein Ziel ist es, mich weiter nach vorne zu spielen. Ich will es schaffen, hier regelmäßig aufzutreten.“ Geht es nach seinem Bezwinger Khachanov, dann ist dies nur eine Frage der Zeit: „Es war ein hartes Match. Rudi spielt sehr aggressiv, ihn werden wir in Zukunft ganz sicher noch häufiger sehen.“

Einen perfekten Start ins Turnier feierte Deutschlands Nummer vier Philipp Kohlschreiber. Im ersten Match unter den Augen seines neuen Trainers Markus Hipfl setzte er sich gegen den frischgebackenen Turniersieger von Umag, Andrey Rublev, mit 6:3, 6:1 durch. „Ich bin sehr happy mit dem Ergebnis, habe gut gekämpft. Es hat einfach Spaß gemacht“, äußerte sich ein sichtlich zufriedener Kohlschreiber. Und das konnte er auch sein. Bis zum achten Spiel im ersten Durchgang verlief die Partie hochklassig und ausgeglichen. Dann gelang es dem 14 Jahre älteren Kohlschreiber, sich mit seinem zweiten Break den entscheidenden Vorteil zu erspielen. Dabei profitierte er mehrfach von vermeidbaren Fehlern des enorm kraftvoll – manchmal zu kraftvoll – spielenden Russen.

Dem Augsburger unterliefen im ersten Vergleich mit Rublev insgesamt weniger Fehler. Gerade mit seiner Vorhand strahlte „Kohli“ eine unglaubliche Sicherheit aus und konnte den Druck hochhalten. Insgesamt war nur wenig am Spiel des Deutschen auszusetzen. Sein Aufschlag funktionierte. Die richtige Länge von der Grundlinie war vorhanden. Die Variation in seinen Schlägen erkennbar. Die Höhe der Flugkurve abwechslungsreich. So verwertete Kohlschreiber seinen zweiten Satzball nach 44 Minuten und gewann Durchgang eins mit 6:3.

Das sich daraus ergebende Momentum konnte er auch in den zweiten Satz transportieren. Früh machte Kohlschreiber klar, dass er unbedingt als Sieger den Platz verlassen wollte. Er schnappte sich das entscheidende Break zum 2:1. Zwei weitere Breaks gelangen dem Deutschen in der Folge und so entschied er das Duell im Eiltempo nach 72 Minuten für sich. „Die Sandplatzsaison war bescheiden, deswegen lastet kein Druck auf mir. Dazu herrscht hier immer eine tolle Stimmung“, resümierte der Augsburger. In der nächsten Runde bekommt es Kohlschreiber nun mit einem Schwergewicht zu tun. Der Hamburg-Sieger von 2011 – Gilles Simon aus Frankreich – wird versuchen, dem Deutschen den Weg ins Viertelfinale zu verbauen.

Die Überraschung des Tages aber gelang Andrey Kuznetsov schon im ersten Center Court-Match. Der Russe besiegte den an Position zwei gesetzten Pablo Cuevas aus Uruguay in drei Sätzen mit 3:6, 7:5 und 6:4. Mit dem Erfolg bestätigte der Russe seine starke Form. Vergangene Woche bezwang er im schwedischen Bastad unter anderem Jan-Lennard Struff und zog ins Halbfinale ein. Nun sorgte er mit dem Sieg über den Vorjahresfinalisten für das nächste Ausrufezeichen. Kuznetsov ließ sich auch vom schnellen Satzrückstand nicht aus dem Konzept bringen. Stattdessen punktete er immer wieder mit seiner starken Vorhand und gewann den umkämpften zweiten Satz. Im dritten Durchgang nahm Kuznetsov dem Uruguayer zum perfekten Zeitpunkt, beim Stand von 5:4, den Aufschlag ab und nutzte seinen zweiten Matchball.

Für Cuevas war es erst die zweite Partie nach den French Open. Der Südamerikaner verpasste mit einer Verletzung am rechten Knie die komplette Rasensaison und feierte vergangene Woche in Bastad sein Comeback. Zwar startete der 31-Jährige gut in die Partie, fand aber gerade beim Aufschlag nicht zu seinem Rhythmus. Die fehlende Spielpraxis war unverkennbar.

Rund neun Stunden nach Pablo Cuevas verabschiedete sich am späten Abend, exakt um 22.16 Uhr, auch noch der topgesetzte Spanier Albert Ramos-Vinolas. Nach einem Marathon-Match über drei Stunden und drei Minuten verlor der Finalist von Monte Carlo gegen den argentinischen Lucky Loser Leonardo Mayer mit 7:6, 3:6, 6:7. Der Südamerikaner, der im Qualifikationsfinale an Rudi Molleker gescheitert war, ließ sich auch von einem Satz-Rückstand nicht beeindrucken, war ab dem zweiten Satz der deutlich aggressivere Spieler und siegte trotz 54 vermeidbarer Fehler. Im Achtelfinale trifft Mayer am Donnerstag nun auf den Warsteiner Jan-Lennard Sturff

Dabei hingen die beiden Akteure zuvor schon stundenlang in der Warteschleife, da ihre Partie eigentlich auf dem Court M 1 angesetzt war. Nach den ergiebigen Regenfällen des Tages konnte dort der Spielbetrieb aber erst gegen 17 Uhr aufgenommen werden. Hier duellierten sich aber zunächst die beiden Linkshänder Fernando Verdasco und Jiri Vesely. Deren Match wurde beim Stand von 6:7 und 7:6 aufgrund des wieder einsetzenden Regens abgebrochen und ist heute als zweites Match auf Court M1 neu angesetzt.

Vor der neuerlichen Pause löste aber noch Federico Delbonis sein Achtelfinal-Ticket. Der Finalist von 2013 bezwang Carlos Berlocq mit 6:7, 7:5 und 6:3.