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Das Märchen vom tapferen „Sascha“

Erstmals nach Michael Stich und Bernd Karbacher 1993 stehen zwei Deutsche im Halbfinale des Rothenbaum-Turniers. Philipp Kohlschreiber galt schon vor dem Start der bet-at-home Open 2014 als einer der Mitfavoriten auf den Turniersieg. Mit Alexander Zverev ist allerdings in dieser Woche ein neuer Stern am Tennishimmel aufgegangen.

Es war einmal, so fangen viele Märchen an. Und vielleicht wird man in einigen Jahren auch mit diesen Worten über die Leistung von Alexander „Sascha“ Zvervev beim Rothenbaum-Turnier sprechen. Denn was dieser 17-Jährige in dieser Woche bei den bet-at-home Open 2014 leistet, ist einfach nur märchenhaft. Im „Hamburger Derby“ im Viertelfinale gegen Tobias Kamke hatten eigentlich alle den Youngster schon abgeschrieben. Der Teenie wirkte unkonzentriert, irgendwie gar nicht richtig anwesend. Nach 21 Minuten ging der erste Satz mit 0:6 flöten, bereits nach drei Spielen musste der Schläger dran glauben. „Das ist unglücklich gelaufen und war eigentlich eher ein Versehen“, entschuldigte sich Zverev später und ergänzte: „Ich war nicht müde, Tobi hat im ersten Satz einfach richtig gut gespielt. Ich habe dann meine Taktik etwas verändert, mehr hohe Bälle und Slice gespielt und das hat funktioniert“. Kamke verlor in dem spannungsgeladenen Duell die Sicherheit und seine spielerische Linie. Zverev servierte plötzlich besser und fand im zweiten Satz auch nach einem Break, als er zum Satzgewinn aufschlug, die passende Antwort. Der tapfere „Sascha“ war nicht mehr aufzuhalten und holte sich nicht nur den zweiten Durchgang mit 7:5, sondern blieb im dritten Satz bei über 30 Grad eiskalt und verwandelte seinen ersten Matchball zum 6:3.

Im Halbfinale wartet auf Zverev jetzt zum ersten Mal in seiner Karriere mit David Ferrer ein Spieler aus den Top Ten der Weltrangliste. Der Spanier fühlte sich bei hochsommerlichen Temperaturen auf dem „Center Court der Welt“ pudelwohl und wirbelte beim 6:0, 6:2 gegen seinen überforderten Landsmann Pablo Andujar wie ein Sandsturm durch die Arena. Es war die mit Abstand beste Leistung des Titelfavoriten in diesem Turnier.  

Allerdings musste sich auch Philipp Kohlschreiber mit seiner Vorstellung keinesfalls verstecken. „Das war definitiv meine beste Leistung in dieser Woche. Hier auf dem Platz war einfach eine Hammerstimmung“, jubelte „Kohli“ nach dem 6:4, 6:4 gegen Lukas Rosol unter dem tosenden Beifall der rund 7.000 Zuschauer. Kohlschreiber revanchierte sich mit einer sehr entschlossenen Vorstellung für die Schlappe gegen Rosol aus der Vorwoche in Stuttgart. Mit seinem variablen Spiel war er jederzeit Herr der Lage. Damit schaffte „Kohli“ zum allerersten Mal den Sprung ins Hamburger Halbfinale. „Das ist mein bestes Ergebnis hier und macht doch wirklich Lust auf morgen“, sagte ein völlig befreiter Kohlschreiber, der es heute im ersten Halbfinale mit Leonardo Mayer zu tun bekommt. Auch der Argentinier löste seine Aufgabe im Viertelfinale enorm eindrucksvoll. Beim 6:1, 7:5 gegen den Serben Dusan Lajovic hatte der 27-Jährige nur in der Endphase des zweiten Satzes kleinere Probleme.

Dieser Erfolg war bei den Siegen von Alexander Zverev und Philipp Kohlschreiber am gestrigen Tag aber eher eine Randnotiz. Na ja, und wer weiß, wenn die beiden Deutschen so weitermachen, sehen sie sich vielleicht Sonntag im Finale wieder. Ein deutsches Endspiel gab es am Rothenbaum zuletzt 1964 (Wilhelm Bungert gewann gegen Christian Kuhnke) und wäre auch so ein bisschen wie im Märchen.