Haas herrlich, Mayer frustriert, Kohlschreiber knapp

Wer hätte das gedacht? Tommy Haas steht bei seinem Heimturnier am Hamburger Rothenbaum nach 15 Jahren wieder im Halbfinale und ist außerdem der letzte verbliebene Deutsche im Feld. Der Lokalmatador gewann überraschend deutlich gegen einen komplett frustrierten Florian Mayer und hat weiter alle Chancen, als erster Deutscher seit Michael Stich 1993 am Rothenbaum zu triumphieren. Philipp Kohlschreiber verlor trotz einer ansprechenden Leistung in zwei Sätzen gegen Topfavorit Nicolas Almagr.o

Irgendwie wussten die Hamburger Tennisfans beim deutschen Duell im Viertelfinale der bet-at-home Open 2012 gar nicht so recht wohin mit ihren Emotionen. Auf der einen Seite freuten sie sich für Tommy Haas, der Tommy Haas wie zu allerbesten Zeiten spielte und kämpfte. Auf der anderen präsentierte sich Florian Mayer phasenweise wie ein Häufchen Elend. Man konnte fast Mitleid mit dem Bayreuther haben, der einen komplett gebrauchten Tag erwischt hatte und von Haas wie von einem Sandsturm in 71 Minuten mit 6:1 und 6:4 vom Platz gefegt wurde.   

Von Beginn an dominierte Haas vor gut 6.000 Zuschauern auf dem Center Court seinen Gegner fast nach Belieben, spielte ihm die Bälle im ersten Satz immer wieder mit chirurgischer Präzision an die Grundlinie und hatte auf jeden Ball Mayers die richtige Antwort parat. Mayer hingegen haderte von Beginn an mit sich und seiner Leistung: der hängende Kopf, zuckende Schultern, ein leiser Monolog mit sich selbst. Dinge, die man sonst eigentlich eher bei Tommy Haas sieht. Von Mayers starker Leistung im Achtelfinale gegen Robin Haase war nichts mehr geblieben. Lediglich zu Beginn des zweiten Durchgangs zeigte Mayer, bei dem man das Gefühl nicht los wurde, dass er den ersten Satz fast abschenkte, warum er in den vergangenen Jahren zum Publikumsliebling in Hamburg avancierte. Um den spielfreudigen und besonders beim zweiten Aufschlag immer aggressiven Tommy Haas im Zaum zu halten, reichte das aber zu keiner Phase.  

Entsprechend angefressen zeigte sich der Bayreuther hinterher auch in der in Rekordgeschwindigkeit abgehaltenen Pressekonferenz: „Das war eine peinliche Vorstellung von mir. Mit dieser Leistung hätte ich gegen keinen aus den Top 100 gewonnen. Es gibt solche Tage, aber bei mir gibt es sie leider etwas zu oft. Mich hat richtig angekotzt, wie ich gespielt habe, deswegen war es mir am Ende auch fast egal“, fand Mayer in der Analyse drastische Worte.

Ganz anders natürlich die Stimmung bei Tommy Haas, der sich auf sein Halbfinalmatch gegen Marin Cilic freut: „Ich denke momentan immer nur ans nächste Spiel. Marin spielt tolles Tennis, ist auch einer der Besten hier beim Turnier. Ich werde mich heute Abend auf das Match vorbereiten.“ Cilic wurde zwar seiner Favoritenrolle gerecht, hatte aber beim 6:4 und 7:6 (5)- Erfolg gegen den Spanier Albert Ramos mehr Mühe als erwartet. Der Kroate machte besonders im zweiten Satz zu viele Fehler. Ramos nutze dies aus, war aber dann im entscheidenden Tiebreak derjenige mit der zu hohen Fehlerquote. Am Ende war es ein verdienter Sieg für Cilic.

Während sich Haas also auf sein Semifinale einstimmen konnte, musste Philipp Kohlschreiber noch verarbeiten, dass er gegen den topgesetzten Nicolas Almagro selbst beste Chancen ungenutzt ließ und im Viertelfinale mit 5:7 und 5:7 ausschied. Die deutsche Nummer eins startete denkbar schlecht in die Partie und lag schnell 2:5 hinten. Erst als „Kohli“ zwei Satzbälle abwehren konnte, schien er aufzuwachen. Der Sieger der BMW Open war bemüht die Ballwechsel kurz zu halten und rückte immer wieder ans Netz vor – ein Plan aufging. Was folgte waren drei Spiele in Folge und der Ausgleich zum 5:5. Letztlich musste er Satz eins aber doch mit 5:7 an den Spanier abgeben.  

Im zweiten Satz das gleiche Bild: Almagro lag schnell mit 4:2 vorne und Kohlschreiber machte wieder zu viele Fehler. Doch der Bayer gab noch lange nicht auf und kämpfte sich wieder heran. Eine krachender Vorhandlongline-Return besiegelte unter tosendem Applaus des Publikums die 5:4-Führung für Kohlschreiber. Aber wie schon im ersten Durchgang konnte der Deutsche auch dieses Mal nicht seine Chancen nutzen. Schade, da war mehr drin.

„Ich hätte das Match nicht in zwei Sätzen verlieren müssen.Ich bin immer gut zurückgekommen, aber er hat in den engen Phasen die besseren Entscheidungen getroffen“, resümierte Kohlschreiber, der insgesamt nicht unzufrieden aus Hamburg abreist. „Ich habe mich hier gesteigert wieder auf gutem Niveau gespielt und mich gegen die Nummer 10 der Welt gut verkauft. Nur meine Chancen konnte ich nicht nutzen.“

Almagros heutiger Halbfinalgegner ist der Argentinier Juan Monaco, der seine Müdigkeit nach dem Erreichen des Finals beim Mercedes Cup auf dem Stuttgarter Weißenhof endgültig abgelegt hat. Monaco besiegte in einer abwechslungsreichen Begegnung zu Beginn des Viertelfinaltages den Reister-Bezwinger Jermey Chardy mit 6:3, 7:5 und setzte damit seinen Erfolgslauf fort. Eine kurze Regenunterbrechung in der Endphase des zweiten Satzes brachte Monaco zwar noch einmal kurz aus dem Konzept, doch im entscheidenden Moment war er wieder hellwach.