Reisters Sensationssieg beim Hamburger Heimspiel

Es war die Überraschung am zweiten Turniertag der bet-at-home Open! Zu Hause ist es eben doch am schönsten! Wie lässt sich die Leistung vom Hamburger Julian Reister anders erklären? Lokalmatador Reister, die aktuelle Nummer 483 der Welt (!), den an Position 16 im ATP-Ranking geführten Spanier Fernando Verdasco glatt mit 6:2 und 6:3 – eine glatte Sensation! So richtig glauben konnte Reister seine tolle Leistung wohl selbst nicht und hielt sich nach verwandeltem Matchball fassungslos die Hände vor das Gesicht. „Damit habe ich gar nicht gerechnet. Ich bin total glücklich“, sagte er nach dem Match und ließ sich auch direkt von seinem Anhang und Turnierdirektor Michael Stich feiern, der dem Reinbeker mit Hilfe einer Wildcard erst den Start am Rothenbaum ermöglichte. Vor einigen Monaten wusste er nicht mal, ob er jemals wieder Tennisspielen kann. Zu sehr schmerzte die Schulter. Aber gestern war besonders der Aufschlag eine Waffe, mit der er dem Spanier nicht einen Breakball ermöglichte. Nun wartet im Achtelfinale mit dem Franzosen Jeremy Chardy ein Spieler, der laut Reister „den Ball mit Schallgeschwindigkeit zurücktrümmert“. Aber zu Hause ist doch alles möglich! Übrigens genau wie in den letzten zwei Jahren, als Reister jeweils im Achtelfinale scheiterte – vielleicht sind diesmal aller guten Dinge ja drei.  

Ebenfalls in der Runde der letzten 16 steht Tommy Haas, der seine Auftakthürde souverän gemeistert hat. Für Haas hätte sein erstes Match am Hamburger Rothenbaum seit sechs Jahren gar nicht besser laufen können. Der gebürtige Eimsbütteler setzte sich gegen Martin Klizan (Slowakei) leicht und locker mit 6:2, 6:1. Nach gerade mal 68 Minuten hatte der 34-Jährige vor den Augen seiner Verlobten Sara Foster und seinen Eltern den Einzug ins Achtelfinale perfekt gemacht. Jetzt wartet mit dem französischen Titelverteidiger Gilles Simon aber eine ganz andere Hausnummer auf den Deutschen An diesem Nachmittag passte aus Haas´Sicht einfach alles. Rechtzeitig vor dem ersten Aufschlag hatte sich die Sonne ihren Weg durch die Wolken gebahnt, das Dach über dem Center Court konnte geöffnet werden und 5000 Zuschauer fieberten dem Auftritt ihres Lieblings entgegen. Und Haas wollte keinen von Ihnen enttäuschen – aggressiv, mit positiver Körpersprache und einem variablen Spiel trat der Deutsche auf und war von Beginn an der durchschlagskräftigere Akteur.Klizan fehlten über weite Strecken die Mittel, um Haas gefährlich zu werden und so legte der Routinier in beiden Sätzen mit frühen Breaks den Grundstein zu einem ungefährdeten Sieg. „Ich bin froh, wieder auf diesem Platz zu stehen und auch gewonnen zu haben. Ich war mir gar nicht so sicher, ob ich das überhaupt nochmal erleben darf“, war Haas über den geglückten Auftakt extrem erleichtert.

Florian Mayer hatte derweil mit einem 7:6, 7:5-Sieg gegen Horacio Zeballos seinen etwas mühevolleren aber dennoch erfolgreichen Einstieg bei dem bet-at-home Open 2012. Am Ende erinnerten sich aber nicht wenige Zuschauer an die beliebte Redewendung „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss“. Sah es zu Beginn des ersten Satzes nach der schnellen 3:0 Führung noch nach einem souveränen Durchmarsch gegen den argentinischen Qualifikanten aus, musste der Bayer im weiteren Verlauf doch noch zittern. Erst im Tiebreak schnappte er sich mit einem spektakulären, eingesprungenen Stopp den ersten Satz. „Das war natürlich weit weg von souverän. Ich habe den Faden verloren. Horacio hatte aber natürlich auch den Vorteil, schon zwei Spiele auf Sand bestritten zu haben und ich hatte noch etwas mit der Umstellung vom Rasen zu tun“, analysierte Mayer treffend. Im zweiten Satz lag der deutsche Davis Cup-Spieler schnell mit 0:2 zurück, kam aber stark zurück und glich zum 4:4 aus und fand zurück in die Spur. Mit einem 7:5 zog Mayer schließlich in die zweite Runde ein und rechnet sich Chancen für den weiteren Turnierverlauf aus: „Es gibt keinen Spieler im Turnier, gegen den ich chancenlos wäre“, gibt sich Mayer zuversichtlich und hofft weiter auf die dritte La Ola-Welle seiner Karriere mit der er in Hamburg in den vergangenen Jahren schon zweimal gefeiert wurde.

Im rein deutschen Duell des Dienstags hatte Philipp Kohlschreiber bei seinem 4:6, 6:2 und 6:3-Erfolg über Stuttgart-Viertelfinalist Björn Phau mehr Mühe als erwartet. Phau buddelte immer wieder fast unmögliche Bälle aus – diese grandiose Defensivarbeit des flinken 32-Jährigen gepaart mit einigen Rückhand-Longline-Schüssen setzte Kohlschreiber vor allem im ersten Satz mächtig unter Druck. „Im ersten Satz war ich irgendwie noch nicht ganz ready für Sand“, sagte der Wimbledon-Viertelfinalist nach dem Match. Aber die deutsche Nummer eins wurde seinem Status doch gerecht und drehte in den Sätzen zwei und drei noch einmal auf. Im Achtelfinale am Donnerstag wartet nun der Italiener Fabio Fognini, der den Qualifikanten Marsel Ilhan aus der Türkei mit 7:5 und 6:2 besiegte. Sollte „Kohli“ siegen wäre es sein bestes Ergebnis am Rothenbaum überhaupt. Und der Augsburger hätte nichts dagegen, schließlich möchte er  „auch endlich im Norden mal weit kommen.“

Ausgeschieden sind dagegen Cedrik-Marcel Stebe und Tobias Kamke. Stebe hatte gegen den Argentinier Juan Monaco die große Überraschung auf dem Schläger, scheiterte aber schließlich aam eigenen Körper dem Nervenkostüm. Rund zweieinhalb Stunden lang, lieferte er dem Finalisten des Mercedes Cup in Stuttgart einen packenden Kampf, zog aber dennoch mit 4:6, 6:3, 5:7 den Kürzeren. Dabei führte der Schwabe aus Vaihingen an der Enz im dritten Satz schon mit 5:3, gab aber auch aufgrund von muskulären Problemen vier Spiele in Folge ab und verließ schließlich als Verlierer den Center Court. Besonders ärgerlich, weil Stebe phasenweise sein bestes Tennis zeigte und Monaco gerade im zweiten Satz, als er schon mit 5:0 führte. Auf den Argentinier, der in den entscheidenden Momenten sehr konzentriert agierte, wartet jetzt im Achtelfinale Daniel Munoz-de la Nava. Für Stebe heißt´s dagegen: Auf ein Neues in Hamburg in 2013!

Gleiches gilt auch für Tobias Kamke. Der Lübecker stand gegen den topgesetzten Vorjahresfinalisten Nicolas Almagro auf verlorenem Posten und unterlag nach 73 Minuten mit 4:6, 1:6. Der Sandplatzmagier aus Murcia zeigte in den entscheidenden Momenten eines ausgeglichenen ersten Satzes seine Klasse und hatte damit Kamkes Widerstand gebrochen. Zwei frühe Breaks zu Beginn des zweiten Satzes ebneten Almagro dann endgültig den Weg in die Runde der letzten 16.