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„Das Turnier hat nach wie vor ein ganz besonderes Flair“

Hamburg – Am 18. Juli beginnen am Hamburger Rothenbaum die International German Open. Das Turnier der ATP World Tour 500 ist das hochwertigste Herren-Tennisturnier in Deutschland und eines der 20 größten ATP-Turniere weltweit. Im Interview erzählt Turnierdirektor Michael Stich, wie er als Kind das Rothenbaum-Turnier erlebt hat und verrät, welche Schlagzeile er sich nach dem Turnier wünscht.

Als Kind warst Du als Zuschauer am Rothenbaum, 1993 hast Du das Turnier als letzter Deutscher gewinnen können und nun lenkst Du als Turnierdirektor die Geschicke der Veranstaltung. Schließt sich für Dich damit ein Kreis?

Als Kind habe ich mich an den Ordnern vorbeigeschlichen und durch Hecken gezwängt, um den großen Spielern zuschauen zu können. Es war immer ein Ziel von mir, einmal in der Qualifikation zu spielen und als es dann schließlich soweit war, war ich leider nicht fit.  Eine Woche vorher hatte ich Fußball gespielt und mich am Knie verletzt. Aber da ich eine Wild Card bekommen hatte und Niki Pilic nicht enttäuschen wollte, habe ich trotzdem gespielt und musste mich gleich nach der ersten Runde gegen Petr Korda verabschieden. Mein erstes Hauptfeldmatch habe ich auf M1 gegen Jonas B Svensson verloren. Dann folgte der erste Einzug in das Halbfinale und 1992 die Finalniederlage gegen Stefan Edberg. 1993 habe ich das Turnier schließlich gewinnen können und mir damit einen Traum erfüllt. Nun habe ich als Turnierdirektor die Möglichkeit, dem Turnier von dieser Position aus etwas zurückzugeben und damit schließt sich in der Tat für mich ein Kreis.

Gibt es einen besonderen Reiz, der das Turnier am Hamburger Rothenbaum aus Deiner Sicht ausmacht? Hat Hamburg etwas, was andere Turniere nicht haben?

Auch wenn ich mit meiner Einschätzung bestimmt nicht ganz objektiv bin, so glaube ich aber, dass die Tennisfans am Hamburger Rothenbaum ganz besonders sind. Sie haben viel Tennissachverstand, das Turnier immer unterstützt und schätzen die Historie. Es gibt auf der Welt kaum ein Tennisturnier, das auf eine ähnliche Geschichte zurückblicken kann wie das Rothenbaum-Turnier. Natürlich hat sich die Atmosphäre mit dem neuen Center Court verändert, aber das Turnier hat nach wie vor ein ganz besonderes Flair.

Gibt es ein Match, das Du am Hamburger Rothenbaum als Zuschauer gesehen hast und das Dir lebhaft in Erinnerung geblieben ist?

An ein besonderes Match erinnere ich mich nicht, dafür sind mir aber andere Dinge präsent geblieben. Ich habe mir damals sehr gerne die Matches von Peter McNamara angeschaut, weil ich sein Spiel mochte. Ich weiß, dass ich krampfhaft versucht habe, auf M1 ein Autogramm von Manuel Orantes zu bekommen. Auch an das zur damaligen Zeit sehr außergewöhnliche Topspin-Spiel vom Schweden Kent Carlsson kann ich mich noch gut erinnern.

Heute bist Du nicht nur Turnierdirektor, sondern als Gesellschafter der Hamburg sports & entertainment GmbH zugleich Ausrichter der Veranstaltung am Hamburger Rothenbaum. Wer oder was ist die HSE? Wie kam es zu der Gründung des Unternehmens und was sind die Ziele?

Initiator der Hamburg sports & entertainment GmbH ist der Hamburger Unternehmer Detlef Hammer, der seit einigen Jahren die Werbemaßnahmen für das Turnier betreut. Zusammen mit anderen Hamburger Geschäftsleuten hat er nach Wegen gesucht, das Turnier und den Standort zu retten und mich in diesem Zusammenhang kontaktiert. Weil ich davon überzeugt bin, dass das Turnier auch unter den veränderten Rahmenbedingungen attraktiv ist, weil ich an das Hamburger Tennispublikum glaube und weil ich verhindern möchte, dass das Turnier verkauft wird, habe ich mich bereit erklärt mich einzubringen. So ist die HSE entstanden und gemeinsam arbeiten wir daran, das Turnier auf wirtschaftlich gesunde Beine zu stellen.

Im Dezember hast Du Dein Engagement für das Rothenbaum-Turnier erstmals verkündet. Seitdem sind einige Monate vergangenen. Was ist in dieser Zeit passiert?

Wir haben natürlich grundlegende Arbeit im Hinblick auf Partner und Sponsoren leisten müssen. Neben der Sponsorenakquisition haben wir uns in der Stadt umgehört, wie die allgemeine Stimmung ist und dabei feststellen müssen, dass die Wahrnehmung des Turniers vor dem Hintergrund des Prozesses negativ besetzt war. Ich glaube, dass wir dieses Stimmungsbild in den vergangenen Wochen und Monaten auflösen konnten und es uns gelungen ist, das Turnier von den anderen Themen, die vor allem den DTB betreffen, zu trennen. Natürlich hatten wir seit Dezember auch zahlreiche strukturelle Aufgaben zu bewältigen. Im Fokus stand dabei die Reduktion von Kosten in den unterschiedlichsten Bereichen. Nur wenn wir an der Kostenschraube drehen, können wir überhaupt überleben.

In diesem Jahr wird das Hamburger Traditionsturnier erstmals im Juli anstatt im Mai ausgetragen und durch den Verlust des Masters-Status ist der Auftritt der weltbesten Tennisspieler am Rothenbaum nicht mehr garantiert. Wie werden sich diese Veränderungen auf das Turnier auswirken? Was wiegt für Dich schwerer?

Da wir nach wie vor zu den größten Turnieren auf der ATP-Tour gehören und die Spieler hier viele Punkte und viel Preisgeld gewinnen können, werden wir auch in diesem Jahr wieder ein sehr attraktives Feld haben. Vielleicht werden die Nummer eins und zwei der Welt fehlen, aber für mich hat sich das Turnier in den vergangenen Jahren zu sehr auf Federer und Nadal fokussiert. Zukünftig werden die anderen Spieler mehr Beachtung finden. Was den Juli-Termin betrifft, so erhöht er natürlich die Chance auf besseres Wetter, aber letztendlich können wir die äußeren Umstände nicht ändern. Wir müssen und werden das Beste daraus machen und alles dafür tun, dass sich die Tennisfans im Juli am Hamburger Rothenbaum wohlfühlen.

Der neue Status und vor allem der neue Termin hat bei Teilen der tennisinteressierten Bevölkerung für Verunsicherung gesorgt. Was dürfen die Tennisfans vom 18. bis 26. Juli erwarten?

Zunächst einmal dürfen sich die Besucher auch in diesem Jahr wieder auf internationales Toptennis freuen. Der ATP-Status sichert dem Turnier mindestens vier Spieler aus den Top 12 der Weltrangliste zu. Außerdem rechne ich fest damit, dass die deutschen Aushängeschilder und Nachwuchshoffnungen sehr zahlreich nach Hamburg kommen werden. Um den Besuchern auf sportlicher Ebene zusätzliche Anreize zu geben, werden acht der besten Junioren Deutschlands im Rahmenprogramm ein separates Turnier spielen und natürlich dürfen auch die Tennislegenden in diesem Jahr nicht fehlen. Außerdem werden wir die Zuschauer abseits der Courts stärker als bisher einbinden und zusätzliche Erlebnisse schaffen.

Welche Schlagzeile würdest Du am Montag nach dem Turnier gerne in der Zeitung lesen?

Ich würde mich freuen, wenn ich am Tag nach dem Finale die Zeitung aufschlagen und lesen würde: „Erster deutscher Turniersieg am Rothenbaum seit 1993“. Im Fließtext dürfte dann auch gerne stehen, dass das Finale ausverkauft war, die Zuschauer begeistert waren und sich auf das nächste Jahr freuen, weil die Zukunft des Turniers gesichert ist.